Leseprobe "Verfluchte Wünsche"

1. Kapitel

Seufzend klappte ich den letzten Band der Panem-Trilogie zu und legte ihn wehmütig zur Seite.

»Annie? Kommst du runter? Abendessen ist fertig!«
»Bin schon unterwegs!«, rief ich zurück. Auf dem Weg

zur Tür blieb mein Blick am Spiegel hängen. Kritisch betrachtete ich mein Ebenbild, atmete tief ein und streckte die Brust heraus. Ich strich meinen Pulli von oben nach unten glatt, so dass er eng an meinem Körper anlag und begutachtete meine Oberweite genauer. Mist! Sie war immer noch nicht gewachsen. Meine Mutter prophezeite mir zwar ständig, dass das schon noch werden würde, da ich mich ja ihrer Meinung nach noch mitten in der Pubertät befand, doch ich sah da wenig Chance. Immerhin war ich schon fast 18! Wie lange sollte das bei mir denn noch dauern? Wie lange sollte ich noch mit einem mickrigen 70AKörbchen durch die Gegend rennen, während sich meine Klassenkameradinnen nach dem Sportunterricht darüber unterhielten, dass die BH-Größen immer kleiner ausfielen und sie anstatt B oder C mittlerweile C oder D kaufen mussten?! Ich seufzte und blickte zu dem Buch. Über mich würde nie jemand einen Roman schreiben. Wie auch? Die Romanheldinnen waren immer superschön, wenn nicht sogar perfekt, hatten dazu immer irgendwelche besonderen Gaben, die sie einzigartig (und gleichzeitig so viel besser und bewundernswerter gegenüber anderen) werden ließen, und selbst
wenn sie ohne Ende tollpatschig waren und absolut nichts auf die Kette kriegten, wurden sie trotzdem von den allerschönsten Männern der Welt vergöttert.

Konnte mir mal jemand erklären, wie das funktionierte?

Gut, hässlich war ich jedenfalls nicht. Ich hatte lange braune Haare, dunkle Augen, wie ich fand, schöne weiße Zähne und war schlank. Trotzdem lief das bei mir anders. Ich hatte nämlich Spitznamen wie Bohnenstange, Klappergestell oder BMW. Und nein, damit war kein schnittiger Sportwagen gemeint. BMW – für alle, die es nicht wissen – bedeutete »Brett mit Warzen«. Sprich, ich war weit entfernt von Pamela Andersons 90-60-90. Okay, welches Mädchen hatte schon solche Traummaße? Aber bei mir waren es eher 50-50-50. Musste das sein? Ich sah aus wie eine Litfaßsäule! Nur, dass mein Durchmesser kleiner war …

Ich stapfte hinunter in die Küche und nahm Platz.
»Na, Spätzchen? Hunger?«, fragte meine Mom, als sie

eine dampfende Auflaufform auf den Tisch stellte. Mmmh … selbst gemachte Lasagne. Wie ich die liebte!

»Und wie!« Ich nahm den Löffel und schaufelte mir eine

große Portion auf den Teller. »Du, Mama?«, begann ich beiläufig, »ich glaub, ich muss meine Pille noch mal wechseln.«

»Schon wieder?« Sie zog überrascht die Augenbrauen

nach oben.

»Ich denke schon …«, erwiderte ich zaghaft.
»Spätzchen, warum das denn schon wieder?«

Verständnislos sah sie mich an, während ich betreten nach unten blickte.

»Ich … ähm … bekomm Pickel von der neuen …«
Meine Mom schüttelte den Kopf. Sollte das jetzt heißen,

dass ich nicht durfte oder dass ich keine Pickel von der Pille bekam? Hmm … Nur für den Fall, dass Letzteres gemeint war, präsentierte ich ihr meine linke Wange, auf der ich heute Morgen einen entdeckt hatte.

»Guck«, sagte ich bekräftigend und deutete mit dem

Zeigefinger auf den roten Fleck, der signalartig auf meiner Backe prangte.

»Spätzchen, das ist doch kein richtiger Pickel. Nur, weil

du heute Morgen einen wahrscheinlich bis dato mikroskopisch kleinen Mitesser so lange malträtiert hast, dass er jetzt ein bisschen rot ist, kannst du doch nicht gleich sagen, dass du von der neuen Pille auch Pickel bekommst. Außerdem nimmst du die doch erst seit vier Wochen. Bis sich die Hormone auf deinen Körper eingestellt haben, dauert das ein bisschen …«

Ich gab ein missmutiges Grummeln von mir. »Ich hab

aber keine Lust, weitere vier Wochen zu warten, um dann festzustellen, dass ich auch das Kind eines Streuselkuchens sein könnte.«

»Sei vernünftig, Annie. Selbst wenn es so wäre, gehen

die doch schnell wieder weg.«

»Du verstehst das nicht, Mama. Vier Wochen Pickel im

Gesicht bedeuten lebenslänglicher Spott in der Schule.«

»Na, was ein Glück, dass du nicht lebenslänglich zur

Schule gehen willst. Oder etwa doch?« Sie wackelte spaßeshalber mit den Brauen, doch ich verdrehte nur die Augen.

»Natürlich nicht. Aber trotzdem …«

Plötzlich wurden die Augen meiner Mutter schmal. »Das

hat aber nichts mit dem Artikel zu tun, der oben aufgeschlagen auf deinem Nachttisch liegt, oder?!«
»Ähm, welcher Artikel?«, fragte ich unschuldig, wich aber ihrem Blick aus, weil ich mich ertappt fühlte.

»Du weißt genau, welchen ich meine«, erwiderte sie

streng.

Ich zuckte ratlos mit den Schultern.

»Na den über die Frage, ob die Pille die Brustgröße

beeinflussen kann.«

Verlegen schaute ich auf meinen Teller. Ich hatte zwar

ein gutes Verhältnis zu meiner Mutter, doch diese Art von Gespräch war mir jetzt doch ein bisschen zu intim.

»So ein Quatsch«, antwortete ich, doch noch nicht mal

ich selbst hätte mir das geglaubt.

»Hänselt dich etwa wieder der eine Typ aus deiner

Klasse?« Sie sah mich mitfühlend an, doch ich sagte nichts. Die beste Art, ein immer peinlicher werdendes Gespräch möglichst früh im Keim zu ersticken, war einfach gar nichts mehr dazu zu sagen. Außerdem hätte ich Hanna (eigentlich Johanna), meine sonst beste Freundin, gerade dafür erwürgen können, dass sie meiner Mutter überhaupt davon erzählt hatte! Wenigstens hatte sie verschwiegen, dass ich auch noch ausgerechnet in diesen Typen verliebt war. Oder sagen wir besser, immer noch verliebt war. Was meine Mutter nämlich Gott sei Dank auch nicht wusste (sie würde ihm den Kopf abreißen!), dass es sich bei dem Typen um keinen anderen als Dennis handelte. Dennis, meinen Freund
beziehungsweise jetzt Exfreund, mit dem ich auf der Realschule zwei Jahre lang zusammen gewesen, und der, bevor wir aufs Gymnasium gewechselt waren, zu dieser Zeit fast täglich bei uns ein und aus gegangen war. Eigentlich hatte ich mir das damals ja alles anders vorgestellt. Als wir, Hanna, Dennis und ich, nach dem Abschluss aufs Gymnasium gegangen waren, hatte ich mich tierisch gefreut, dass wir zusammen blieben und auch die nächsten drei Jahre weiter Spaß haben konnten, doch leider kam alles ganz anders. Dennis hatte sich bereits in den ersten Wochen sehr verändert. Er setzte sich nicht mehr neben mich, weil er, wie er mir erklärte, seine neuen Klassenkameraden ein bisschen besser kennenlernen wolle. Ich war zwar traurig darüber, sagte aber nichts dazu. Dann verbrachte er nach und nach die Pausen immer öfter mit »den neuen Leuten«, anstatt mit Hanna und mir. Auch dazu sagte ich nichts. Als Nächstes kam er immer seltener nach der Schule mit zu mir, was mich ebenfalls verletzte, doch ich wollte ihn nicht einengen, also schwieg ich weiterhin. Als er mich jedoch kaum noch in der Öffentlichkeit küsste oder gar in den Arm nahm, heulte ich mich oft bei Hanna aus, bis ich eines Tages meinen ganzen Mut zusammennahm und ihn fragte, was los sei. Und, was soll ich sagen? Hätte ich das bloß nie gefragt! Dennis erzählte mir die typischen Sachen, die bestimmt jeder schon mal in irgendeiner Soap gehört hat. »Wir haben uns auseinandergelebt«, »Ich bin noch zu jung, um mich für ein Leben lang zu binden« und »Ich möchte auch noch andere Dinge ausprobieren«, bla, bla, bla. Offensichtlich meinte er mit »andere Dinge« andere Frauen, denn kurz nachdem er mir das alles gesagt und mehr oder weniger behauptet hatte, dass er momentan keinen Bock auf eine Beziehung habe, kam er mit Jenny zusammen – einer relativ hübschen, netten (wie ich bis zu dem Zeitpunkt noch fand), vollbusigen Blondine. Ich war am Boden zerstört, doch leider war das noch nicht alles. Gut, zugegeben, vielleicht war ich nicht ganz unschuldig an dem nachfolgenden Umstand, denn die erste Zeit konnte ich schlecht akzeptieren, dass wir kein Paar mehr waren, und machte all den Quatsch, den man nicht nachvollziehen konnte, wenn man es von anderen hörte. Ich schrieb ihm z.B. öfter SMS, fragte ihn, ob er mitkommen wollte, wenn Hanna und ich etwas unternahmen, und brachte ihm das ein oder andere Mal etwas Selbstgebackenes mit in die Schule. Doch umso mehr ich mich bemühte, desto abweisender wurde er. Er hatte mir auch gesagt, dass ich ihm auf den Keks ging, aber irgendwie war ich zu dieser Zeit auf dem Ohr taub. Zumal ich ihn ja auch gerne wiederhaben wollte und dachte, dass, wenn ich ihn komplett in Ruhe ließ, wir uns erst recht voneinander entfernten. Tja … und heute ist es so, dass aus seinem anfänglichen Ignorieren ein Hänseln geworden ist, obwohl ich meine Bemühungen schon längst aufgegeben hatte. Dennis bemerkte, wie die anderen aus der Klasse reagierten, wenn er mich mal wieder vor den Kopf stieß (vor allem Jenny fand das immer besonders witzig), fühlte sich dadurch offenbar angespornt und wurde immer frecher und verletzender. Selbst, wenn ich gar nichts getan hatte.

Meine Mom streichelte meinen Unterarm. »Spätzchen, du

bist einfach zu lieb für diese Welt. Du musst bissiger werden! Wenn der Blödmann das nächste Mal wieder etwas zu dir sagt, pfeffer doch mal einen dummen Spruch zurück! Ich bin mir sicher, dann weiß er erst mal nichts mehr darauf zu sagen. Damit rechnet er garantiert nicht«, forderte sie mich auf.

Sie hatte gut reden. Es war nicht so, dass mir keine

coolen Sprüche einfielen, aber leider immer viel zu spät. Schlagfertigkeit war einfach nicht meine Stärke und ich verstand auch nicht, warum man sich überhaupt ständig bekriegen musste. Wozu sollte das gut sein? Ich machte mich ja auch über niemanden lustig. Das war einfach nicht meine Art. Ich war nie frech oder gemein zu irgendjemandem, im Gegenteil. Ich war stets hilfsbereit, ging sogar für meine alte Nachbarin einkaufen und spielte mit den Kindern, wenn ich meine Mom bei ihrer Arbeit im Krankenhaus besuchte. Ich versuchte immer jedem alles recht zu machen, aber anscheinend war genau das mein Problem. Das Leben an der Schule war da der Wildnis nicht ganz unähnlich. Von wegen, Menschen seien sozialisiert und so viel besser als Tiere. Pah! Tiere suchten sich den schwächsten einer Gruppe heraus und dieser wurde dann gefressen. Wie in meiner Klasse quasi. Nur, dass ich im Endeffekt nicht gefressen wurde. Menschen waren da leider viel sadistischer. Es war eher damit zu vergleichen, dass täglich ein kleines Stück von mir probiert wurde – zu viel, um gut damit leben zu können, und zu wenig, um würdevoll zu sterben. Ja, mir ist durchaus bewusst, dass ich ab und an einen Hang zum Theatralischen habe, doch was sollte ich tun? Meine Eltern hatten mich stets bevormundet, mich zur Rücksichtnahme und Höflichkeit erzogen. Sie dulden keine Widerworte und haben mich für die Wirkung von unfreundlichen Worten und das, was sie in anderen Menschen auslösen könnten, sensibel gemacht. Dadurch war ich sehr zurückhaltend und es fiel mir unheimlich schwer, meine Meinung offen zu sagen, weil ich immer befürchtete, jemanden damit zu verletzen. Man musste meine Nerven schon echt strapazieren, damit ich mal das Wort erhob, aber das kam so gut wie nie vor. Ich war eben ein typischer Ja-Sager.

Hanna war da zum Glück ganz anders. Sie ließ sich

niemals auf der Nase herumtanzen und hatte immer einen coolen Spruch parat. Auch wenn ich bei ihrer Wortwahl häufig ganz schön schlucken musste, bewunderte ich sie dafür und war froh, dass sie immer hinter mir stand. Um ehrlich zu sein, wünschte ich mir manchmal sogar, so zu sein wie sie. Vor allem, weil ich mir oft etwas minderwertig ihr gegenüber vorkam. – Nicht falsch verstehen! Hanna war meine beste Freundin. Wir machten vieles gemeinsam und sie tat einfach alles für mich. Manchmal aus meiner Sicht jedoch ein bisschen zu viel. Sie behandelte mich ab und an, als wäre sie meine fünf Jahre ältere Schwester (dabei war ich die Ältere von uns beiden!) und müsste immer ein Auge auf mich haben, weil ich ohne sie nicht überlebensfähig wäre, aber damit musste ich mich wohl abfinden. Denn obwohl ich wusste, dass mein Verhalten nur antrainiert war, konnte ich es einfach nicht ablegen. Und ganz so abwegig war Hannas Verhalten auch nicht. In der Schule, wenn Dennis und seine Crew mal wieder auf mir herumhackten, konnte ich mich schlecht, oder seien wir ehrlich: gar nicht wehren, und dann war ich froh, dass Hanna da war und mich verteidigte, wie eine Löwin ihr Junges – um das Wildnis-Beispiel von eben noch mal aufzugreifen.

»Spätzchen …«, begann meine Mama jetzt etwas

versöhnlicher, »ich weiß gar nicht, was du hast. Du bist so hübsch – auch ohne Riesenbrüste –, noch dazu wirklich klug. Es gibt mit Sicherheit eine Menge Mädels, die gerne so wären wie du.« Ich runzelte die Stirn. War ja klar, dass sie das sagte. Jede Mutter sagte so was. Bestimmt bekam man bei der Geburt eine Art Chip eingepflanzt, der im Bezug auf Äußerlichkeiten und Talent des Kindes die Mutter einfach das Gegenteil behaupten ließ. Warum sollten auch sonst so viele zu »Deutschland sucht den Superstar« gehen? Ich meine, wenn man sich mal ansah, was da manchmal für Vollidioten rumliefen, musste es doch so was geben, oder? »Hey, Mama, ich kann singen. Hör mal: La la laaa …« Eigentlich müsste die Mutter dann sagen: »Tut mir leid, mein Schatz, aber diesbezüglich scheinst du ein echter Talentallergiker zu sein.« Da kommt der Chip zum Einsatz. Bzzz, bzzz, bzzz … und daraus wird: »Wow, Schatz! Du singst besser als Stevie Wonder!«

Ich für meinen Teil war jedenfalls von der Existenz eines

solchen Implantates überzeugt. Das musste ähnlich funktionieren, wie das »Babyversteh-Implantat«. Babys waren süß. Total süß! Aber trotzdem konnte ich eins nicht begreifen. Das Baby quietschte oder gab sonst irgendeinen undefinierbaren Laut von sich und sofort sagte die Mutter: »Ohhh, hört mal. Es hat Mama gesagt.« Keine Ahnung, warum sich »quiek« anhören sollte wie »Mama«. Aber aus irgendeinem Grund waren die Mütter davon überzeugt, dass es da einen Zusammenhang gab.

Anstatt also etwas auf den Einwand meiner Mutter zu

erwidern, schaufelte ich mir noch eine zweite Portion Lasagne auf den Teller.

»Und wenn du nicht so wärst, wie du bist, könntest du

auch solche Portionen nicht verspachteln, ohne dass sich alles direkt auf deinen Hüften verewigt.« Meine Mom lächelte liebevoll, während ich verhalten nickte. Gut, zugegeben. Damit hatte sie Recht. Trotzdem wäre es mir lieber, wenn ich normal zunehmen würde. Dann könnte ich mir wenigstens ein paar Brüste anfressen! Es war nämlich nicht leicht, das Mädchen mit den flachsten Brüsten aus der Klasse zu sein. Schon gar nicht, da es so viele gab, die meinten, mich täglich daran erinnern zu müssen. – Als könnte man so was vergessen …

Meine Mutter stieß einen tiefen Seufzer aus. »Freust du

dich denn wenigstens auf morgen?«

»Dasch kannscht du aber annehm«, entgegnete ich mit

vollgestopftem Mund und war dankbar über den Themenwechsel. Morgen war mein langersehnter 18. Geburtstag und ich konnte es kaum erwarten, bis die Schule endlich vorbei war und ich meinen Führerschein (den ich bereits drei Wochen zuvor bestanden hatte) abholen konnte. Meine Mom erlaubte mir sogar, dass ich für den Rest des Tages ihr Auto haben durfte, damit ich etwas mit Hanna unternehmen konnte. Da wir sowieso ein Kopf und ein Arsch waren, war ja wohl klar, dass sie morgen nicht fehlen durfte.

»Das freut mich für dich, Spätzchen. Habt ihr denn

schon was Schönes geplant?«, fragte meine Mom neugierig.

»Abscholut. Hanna un isch wollen insch Eischcafé un

danach Pitscha eschen gehn.«

Meine Mom lächelte. »Okay. Und nun noch mal, wenn du

weniger als drei Kilo im Mund hast.«

Da musste auch ich grinsen. Ich wusste, es war eine

furchtbare Angewohnheit mit vollem Mund zu sprechen, doch wenn ich etwas gefragt wurde, gab ich Antwort. Ob mit halber Sau zwischen den Zähnen oder ohne.

Ich schluckte laut und begann von vorne. »Hanna und

ich wollen in die Stadt fahren, zuerst ins Eiscafé, ein bisschen schnacken, und danach in die Pizzeria. Ähm … weiterschnacken.«

»Das klingt nach einem tollen Mädelstag. Ich würd

sagen, ich hol euch direkt von der Schule ab. Dann bringt ihr mich schnell heim und könnt direkt weiterdüsen, was sagst du dazu?«

»Oh, Mom! Das wär echt super!« Ich sprang auf, fiel

meiner Mama um den Hals und bedeckte sie mit Küssen. Dann hatte ich schon mal eine halbe Stunde Heimfahrt mit dem Bus gespart.

»Schon gut, schon gut«, lachte sie und versuchte mich

abzuwehren, doch hey! Auch als Bohnenstange konnte man ungeahnte Kräfte entwickeln, wenn man sich freute.

2. Kapitel

»Annie! Hier drüben«, rief Hanna und winkte mich zu sich, als ich in den Schulbus stieg. Ich ging zu ihr durch und ihre Augen funkelten bereits.

»Was ist?«, fragte ich grinsend, obwohl ich ja genau

wusste, was los war.

»Alles, alles Liebe zu deinem Geburtstag!« Hanna

umarmte mich liebevoll und überreichte mir ein kleines Geschenk. Neugierig öffnete ich den Umschlag und zum Vorschein kam ein Tankgutschein.

»Heute ist es endlich so weit! Adieu, dämlicher Schulbus,

hallo, Auto!«, brüllte Hanna mir ins Ohr, während sie mich wieder an sich drückte.

Ich musste lachen. Wenn man sie so hörte, fragte man

sich, wer von uns beiden sich mehr darüber freute.

»Ich danke dir! Dumm nur, dass ich kein Auto habe«,

seufzte ich und dachte an meinen miserablen Kontostand, der sich – dank Arbeitslosigkeit wegen Abitur – auch in den nächsten anderthalb Jahren nicht bessern würde.

»Ach, papperlapapp. Deine Mom arbeitet doch sowieso

nur vormittags und wenn sie mal wegwill, kann sie doch das Auto von deinem Paps nehmen. Oder du nimmst es …« Sie strahlte mich an, offensichtlich ziemlich begeistert
von ihrem eigenen Vorschlag. Schon wieder musste ich lachen. Das war ein Grund, weswegen ich Hanna so mochte. Sie schaffte es immer, in allem das Positive zu sehen und hatte immer eine Lösung parat. Und zugegeben, so schlecht war der Einfall wirklich nicht. Meine Mom war genau genommen Hausfrau. Ab und zu half sie vormittags ehrenamtlich in einem Kinderkrankenhaus und bis auf die paar Einkäufe, die sie zu erledigen hatte, war sie tatsächlich meistens zu Hause. Und mein Paps? Der war sowieso fast nie daheim. Als erfolgreicher Geschäftsmann beziehungsweise Kundenbetreuer bei einer Firma, die viel ins Ausland exportierte, standen lange Auslandsreisen bei ihm auf der Tagesordnung. Von daher … Vermissen würde er sein Auto zu Hause wirklich nicht …

»Ich spüre, nein, ich sehe förmlich, wie du über meinen

grandiosen Einfall nachdenkst.« Hanna sah mich an und kreiste mit ihrer Hand vor meinem Gesicht herum, wie ein Hellseher, der versuchte, seine Kugel zu beschwören.

»Du hast Recht. So schlecht ist dein Einfall wirklich

nicht«, gab ich nachdenklich zu.

»Natürlich nicht! Kam ja auch von mir!«, erwiderte Hanna

in einem extrem eingebildeten Tonfall, setzte sich aufrecht hin und wedelte sich mit dem Handrücken mehrmals über die Schulter, als würde sie irgendetwas wegwischen wollen.

»Du bist doof.« Ich lachte und Hanna stimmte in mein

Lachen mit ein.

In der Schule angekommen, gingen wir hinauf zu

unserem Klassenraum. Hanna und ich waren uns einig, dass wir heute im Unterricht besonders fleißig mitarbeiten würden. Wir hatten nämlich schon vor längerem eine Feststellung gemacht. Auch, wenn es nicht immer Spaß machte und es gerade in einer Situation wie dieser, wo man eigentlich hundert andere Dinge im Kopf hatte, echt schwerfiel, war und blieb das beste Mittel gegen langsam vergehende Zeit die altbewährte Mitarbeit.

Wir setzten uns auf unsere Plätze und waren gerade

dabei, unsere Sachen schon mal auszupacken, als Dennis die Klasse betrat.

»Hey, Bohnenstange!«, rief er mir zu. Einen kurzen

Augenblick dachte ich wirklich, er wollte mir zum Geburtstag gratulieren, als er mich mit einem »Haste Hausaufgaben?« in die Realität zurückholte.

Ich sah kurz zu Hanna herüber, dann nickte ich.
»Geb ma her. Ich hatte gestern keinen Bock.«
»Du kannst sie mal am Arsch lecken«, entgegnete Hanna

für mich bissig, doch ich holte meine Hausaufgaben hervor und gab sie ihm.

»Hast du sie noch alle?« Hanna sah mich fassungslos an.

»Ich dachte, wir hätten das geklärt?!«

»Tut mir leid …«, druckste ich herum, »aber … vielleicht

hört er dann endlich mal mit seinen blöden Sprüchen auf.«

Hanna schnaubte missbilligend. »DAS hast du bei den

letzten zehn Malen auch schon gesagt.«

Ich sah sie entschuldigend an.
»Ach Annie … Die Hoffnung stirbt zuletzt, oder wie war

das?«

Betrübt sah ich zu Dennis herüber, der, so wie es

aussah, gerade dabei war, meinen kompletten Aufsatz Wort für Wort abzupinnen.

»Ähm … Dennis?«
»Was ist?«, kam es unfreundlich zurück.
»Du denkst aber schon daran, dass du die Sätze

veränderst, ja?«

Überheblich zog er die Augenbrauen nach oben und stieß

hörbar Luft durch seine Lippen. »Natürlich, Annie.«

»Okay … ähm … Danke.« Ich blickte nach unten und

Hanna knuffte mich in die Rippen.

»Danke? Für was? Dass er bei dir abschreibt?«
Hilflos zuckte ich mit den Schultern.
»Du weißt schon, dass der Trottel trotzdem Satz für

Satz bei dir abschreibt?«

»Er will die Sätze umstellen«, verteidigte ich ihn

schwach, doch ich wusste selbst, dass er das nur so gesagt hatte.

Hanna tippte mir mit der Hand zweimal an den Kopf.

»Klopf klopf, jemand zu Hause? Gibt es da drin jemanden, der in seinem Leben schon mal irgendwann etwas von Ironie gehört hat?«

»Lass das«, sagte ich schroff und schaute sie böse an.

Hannas Gesicht wurde weich. »Bist du etwa immer noch

verliebt in ihn?«

Zaghaft schüttelte ich den Kopf, doch allein ihr Blick

reichte aus, um zu wissen, dass sie mir kein Wort glaubte.

»Er mag ja ganz gut aussehen und vielleicht war er auch

mal ganz nett gewesen, doch was nützt dir das, wenn er jetzt ein Mega-Arschloch ist?« Da war er wieder. Hanna hatte ihren »Große-Schwester-Modus« eingeschaltet.

»So schlimm ist er doch gar nicht. Wenn er …«,

versuchte ich es noch mal, doch in diesem Moment rief Dennis: »Annie! Bin fertig! Kannst dir deinen Kram wieder abholen.« Und Hannas Ausdruck in den Augen wechselte von
»Jetzt-bin-ich-aber-gespannt-was-du-zu-sagen-hast«, über »Siehste!« zu »Arme-kleine-verliebte-Annie«.

»Sieh mich bitte nicht so vorwurfsvoll an«, sagte ich zu

ihr. Insgeheim wusste ich ja, dass sie Recht hatte. Dennis war einfach ein Arschloch. Ein RIESENARSCHLOCH! Aber er war ja nicht immer so gewesen und vielleicht, ganz vielleicht, wenn ich trotz allem nett zu ihm war, würde ihm wieder einfallen, warum wir mal ein Paar gewesen waren, dass wir glücklich waren und sogar wieder zusammenkommen könnten?

»Ich geh mir mal kurz meine Hausaufgaben holen«,

seufzte ich.

Hanna lächelte mich mitleidig an, nickte dann aber. Als

die Sache mit Dennis auseinanderging und er plötzlich anfing, mich und sogar Hanna zu hänseln, war sie darüber mindestens ebenso enttäuscht wie ich. Nur, dass es sich bei ihr ganz anders äußerte. Hanna war stinksauer auf Dennis, wollte partout nichts mehr mit ihm zu tun haben und beschimpfte ihn als Verräter. Während ich einfach versuchte, ihm so wenig Angriffsfläche wie möglich zu bieten. Leider schnitt ich mit meiner Verfahrensweise noch schlechter ab als Hanna mit ihrer Gegenwehr.

Als ich mich wieder neben sie setzte, betrat Herr Seidel

– Jürgen – den Klassenraum. Jürgen war unser Klassenlehrer und echt cool.

»So Leute, ihr habt jetzt zwei Stunden Unterricht bei mir

und danach könnt ihr euch einen schönen Tag machen. Der Rest fällt nämlich aus.«

Ein Jubeln ging durch die Klasse. Bestens! Ich musste

sofort meiner Mom schreiben, dass sie uns schon früher abholen konnte. Ich zückte mein Handy und begann zu tippen, da wurde unser Lehrer auf mich aufmerksam.

»Hey Annie, wie wär‘s, wenn du uns nach deiner

wichtigen SMS mal deinen Aufsatz vorliest?«

Ich wurde rot. Ich wusste zwar, dass Jürgen nichts

dagegen sagte, wenn man mal auf sein Handy schaute, doch ich wusste auch, dass es sich nicht gehörte.

»Natürlich«, sagte ich schuldbewusst, tippte schnell auf

»Senden« und verstaute es wieder in meiner Tasche.

»Und wir brauchen noch zwei Freiwillige.« Da sich nur

eine Schülerin meldete, ließ er seinen Blick durch die Klasse schweifen. »Wie wär‘s mit dir, Dennis? Lust, was für deine Note zu tun?« So eine Scheiße! Das musste ja so
kommen!

Dennis sah mich grinsend an, dann wieder zum Lehrer.

»Aber klar doch.«

»Gut, dann fang du doch grad an.«
Dennis begann seinen, nein, meinen Aufsatz vorzulesen.

Wie Hanna es bereits gesagt hatte und mir selbst auch klar gewesen war, hatte er ihn Wort für Wort übernommen. So ein Mist aber auch! Was sollte ich denn jetzt machen?

»Wow, Dennis. Das war echt gut. Das gibt 'ne Zwei.«

Anerkennend nickte Jürgen ihm zu. Während Marie ebenfalls vortrug, überlegte ich fieberhaft, wie ich erklären sollte, warum Dennis und ich genau den gleichen Aufsatz hatten.

»Sag doch einfach, dass er bei dir abgeschrieben hat«,

zischte Hanna mir zu.

»Und was, wenn es mit Dennis dann noch schlimmer

wird?«

Spöttisch zog sie die Brauen nach oben. »Noch

schlimmer kann es gar nicht mehr werden. Außerdem besser, als 'ne schlechte Note zu kassieren, obwohl du dir so viel Mühe gemacht hast.«

Da war was dran. Nachdem Marie fertig gelesen hatte,

war ich an der Reihe.

»So Annie, jetzt noch du und dann könnt ihr heimgehen.

Der Rest gibt seine Arbeiten bitte ab, damit ich sie daheim benoten kann. Annie? Bitte.«

»Ähm … Herr Seidel …«
»Jürgen bitte, du weißt doch, dass ich mir sonst so alt

vorkomme.« Er lächelte mich an.

»Tschuldigung, Jürgen, mein’ ich natürlich …«
»Was ist los, Annie? Gibt’s ein Problem?«
»Nun ja, schon. Ich, also Dennis und …«, begann ich,

doch Dennis fiel mir ins Wort.

»Sag schon, wie es war, Annie.« Dennis rollte genervt

mit den Augen und wandte sich Jürgen zu, während ich erleichtert ausatmete. Das ging ja leichter, als ich gedacht hatte. »Sie hat vorhin bei mir abgeschrieben, weil sie
die Hausaufgaben vergessen hat. Und nun haben wir den gleichen Aufsatz.«

»Waaas?!«, platzte es aus mir heraus, während mir die

Kinnlade sprichwörtlich runterfiel.

»Ist das wahr, Annie? Warum sagst du das denn nicht

einfach?« Enttäuscht sah Jürgen mich an. Wenn er eines nicht leiden konnte, waren es Schüler, die ihn für dumm verkaufen wollten.

»Nein, nein, natürlich nicht. Es war genau

andersherum!«, verteidigte ich mich und Hanna schlug sich mit einem »Das kann ich bezeugen!« auf meine Seite. Unschlüssig sah unser Lehrer zwischen Dennis und mir hin und her.

»Dennis?«, forderte er ihn auf.
»Sie können gern meine Mutter anrufen. Die wird Ihnen

bestätigen, dass ich den Aufsatz gestern am Küchentisch geschrieben habe«, entgegnete er völlig gelassen. Dieser Lügner!

Hilflos sah ich zu Jennifer, die neben ihm saß und seine

Aussage mit heftigem Nicken unterstützte. Das durfte doch wohl nicht wahr sein! Diese blöde Kuh! Sie hatte doch genau gesehen, wie es gewesen war. Andererseits, was hatte ich erwartet? Jenny und Dennis waren schließlich ein Paar. Waren sie das zur Zeit überhaupt? Bei den beiden wusste man nie so genau. Mal ja, mal nein, mal ja, mal nein, mal ja … – schenken wir uns den Rest. So oder so hatte ich doch nicht wirklich geglaubt, dass sie es sich meinetwegen mit ihm
verscherzen würde?

»Hat hier sonst noch jemand gesehen, wer hier von wem

abgeschrieben hat?« Die Klasse schwieg. Was auch sonst? Natürlich hätte es keiner gewagt, Dennis in die Pfanne zu hauen. Viel zu groß war die Angst, demnächst ebenfalls von ihm gemobbt zu werden.

»Hmm …«, machte Jürgen und rieb sich den Bart, »da wir

hier offensichtlich nicht ergründen können, wer von euch die Wahrheit sagt, werde ich euch beiden eine Sechs eintragen. Und dass mir so was in Zukunft nicht mehr vorkommt.« Strafend blickte er uns an, während er mit einem »Ihr könnt jetzt gehen« den Unterricht beendete.

»Siehst du! Was hab ich dir gesagt? Er ist und bleibt ein

Arschloch!«, warf Hanna mir vor, während wir über den Schulhof gingen.

»Du hast ja Recht. Aber wer konnte denn ahnen, dass er

so dreist lügen würde?«

»Stimmt, Annie. Wer hätte das ahnen können? Wo

Dennis im Normalfall doch so ein liebenswürdiger, ehrlicher Kerl ist?« Sie schnaubte verachtend. »Und jetzt hast du über drei Stunden an einem Aufsatz gesessen, der eigentlich
eine Zwei wert gewesen wäre, wofür du jetzt eine Sechs bekommen hast.«

Ich nickte niedergeschlagen. »Ich weiß«, gab ich

kleinlaut zu.

»Es gibt so viele nette Typen auf diesem Planeten. Und

du hängst immer noch an Dennis … Kannst du mir erklären, warum um alles in der Welt?« Beim Aussprechen seines Namens verzog sie das Gesicht, als hätte man ihr einen
Löffel Salz in den Mund gesteckt.

Schweigend lief ich neben ihr her. Was sollte ich auch

sagen? Ich verstand ja selber nicht, warum ich nicht loslassen konnte. Lag es an seinem Aussehen? An seinen stahlblauen Augen? Seiner blonden Surferfrisur? Seinem durchtrainierten Body? Dem Anblick seines Bizepses, der bei jeder Armbewegung das T-Shirt spannte? Wenn ich ehrlich war, waren blonde Kerle noch nicht mal mein Beuteschema. Und wenn ich so weit ginge, Menschen (oder in diesem Fall Männer) auf ihre Optik zu reduzieren und diesbezüglich eine Präferenz äußern müsste, wären es wohl eher dunkelhaarige Typen. Aber sein Charakter hatte mich damals fasziniert. Er
war immer lieb und hilfsbereit gewesen, trug meine Schultasche, hielt Hanna und mir Plätze im Bus frei und wehe, mir oder Hanna kam mal jemand dumm. Dann bekam er es sofort mit ihm zu tun. Doch was war heute davon geblieben? Nichts. Dennis hatte schon lange kein freundliches Wort mehr für mich übrig. Aber vielleicht war genau das der Reiz? Dieser spezielle Reiz dessen, was man sowieso nicht (mehr) haben konnte? Wie damals im Paradies
der Apfel für Eva.

In diesem Moment lief Dennis breit grinsend mit seiner

Clique an uns vorbei und ich versuchte ihn mindestens genauso strafend anzusehen, wie Jürgen es eben bei uns getan hatte, doch Dennis nahm keine Notiz von mir.

»Schlag dir diesen falschen Fünfziger endlich aus dem

Kopf, Annie. Der will nichts mehr von dir. Der benutzt dich nur.«

Wieder nickte ich. Hannas ehrliche Worte taten weh,

doch ich wusste, dass sie mich nur beschützen wollte.
»Und es ist ja auch nicht so, als hätte er so was in der Art zum ersten Mal mit dir gemacht.«

»Können wir über etwas anderes reden?«, bat ich. Das

Ganze war schon ärgerlich genug. Ich musste diesen Fehler jetzt nicht noch stundenlang unter die Nase gerieben bekommen.

»Nur, wenn du mir versprichst, beim nächsten Mal

vernünftiger zu sein.«

»Versprochen«, antwortete ich leise.
Jetzt sah Hanna mich etwas versöhnlicher an. »Schau

mal, da vorne ist deine Mutter. Gleich hast du endlich deinen Führerschein!«

Ich lächelte. Trotz dieses ziemlich bescheidenen

Vormittags freute ich mich unheimlich auf den Rest des Tages.

Meine Mom begrüßte uns, als Hanna und ich einstiegen.

»Na, Spätzchen? Freust du dich schon? Konntest du denn überhaupt dem Unterricht folgen? Oder hast du die ganze Zeit nur an deinen Führerschein gedacht?« Dann drehte sie sich zu Hanna um und plapperte munter weiter. »Hast du heute Morgen auch noch was anderes von ihr gehört, als dass sie ihren Führerschein bekommt? Ich für meinen Teil die letzten drei Wochen nicht mehr.« Meine Mom grinste. »Wie schön für euch, dass ihr jetzt schon Schluss habt.« Sie
legte den ersten Gang ein und wir fuhren los.

Es dauerte nicht lange, bis wir bei der Führerscheinstelle

ankamen. Glücklicherweise waren die Beamten ausnahmsweise mal flott unterwegs und so konnte ich nach ein paar Minuten bereits mit meinem Führerschein das Gebäude verlassen.

»So, Spätzchen, jetzt fahr deine alte Mami noch kurz

nach Hause und dann könnt ihr los, okay?«
»Klar!« Ich setzte mich hinter das Steuer, nahm alle notwendigen Einstellungen vor und fuhr los. Sehr gut. Trotz der dreiwöchigen Fahrpause hatte ich nichts verlernt.

»Was machen wir jetzt?«, fragte Hanna aufgeregt,

nachdem wir meine Mom zu Hause abgeliefert hatten.

»Was möchtest du denn machen?«
»Ohh … ich weiß nicht. Es käme so viel in Frage. Wir

könnten einkaufen fahren, essen gehen oder ins Kino! Zum Beispiel in den Film, in den uns deine Mama nicht fahren wollte!« Sie wackelte herausfordernd mit den
Augenbrauen. »Oh mein Gott, Annie! Du hast jetzt alle Möglichkeiten der Welt!« Hanna war ganz aufgekratzt und steckte mich an.

»Da hast du absolut Recht! Ich hab mir überlegt, dass

wir heute erst in unsere Lieblingseisdiele fahren und danach noch Pizza essen gehen«, verkündete ich stolz, doch Hanna rollte mit den Augen.

»Oh, Annie … Du bist so ein alter Fresssack. Wollen wir

nicht doch lieber in den Film?«

Ich verzog das Gesicht. »Hmm … nee, lieber nicht. Keine

Lust auf Eis?«

Dann lächelte sie. »Doch klar … aber nur so nebenbei:

Du bist jetzt 18 … Du musst nicht mehr alles machen, was deine Mami sagt, ne?«

Ich nickte und lächelte etwas gequält zurück.

Anfang 3. Kapitel

Eigentlich hätte es einen wesentlich kürzeren Weg nach Frankfurt gegeben, doch da Hanna mir das Autobahnfahren offensichtlich noch nicht so ganz zutraute, begnügte ich mich eben mit der Landstraße. Wir fuhren eine Weile und unterhielten uns über alles Mögliche, oder besser gesagt über DDD – den dreisten Dennis, wie Hanna ihn kurzerhand getauft hatte –, als plötzlich ein Sportwagen an uns vorbeibrauste und uns beim Wiedereinscheren so schnitt, dass ich ausweichen musste und beinahe in den Graben gefahren wäre.

»Vollidiot!«, brüllte Hanna, während ich ihm nur völlig

perplex hinterherglotzte. »Ist das zu fassen? Hätte uns dieser Arsch beinahe von der Straße geschubst!«

Ich nickte. »So einer hat echt nichts auf der Straße

verloren.« Ich hatte den Satz noch nicht zu Ende gesprochen, da sahen wir, wie der Wagen vor uns ins Schlingern geriet und in den Graben rutschte. Der Mann stieg aus und trat vor Wut gegen seinen Autoreifen.

»Pah! Das hat er jetzt davon«, schimpfte Hanna weiter,

während ich den Blinker zum Anhalten setzte.

»Du willst ihm doch wohl nicht helfen?« Hanna sah mich

entgeistert an.

»Wenn er nicht gefahren wäre, wie ein Verrückter, hätte

er dieses Problem jetzt nicht.«

»Das hat nichts mit Wollen zu tun, Hanna. Erstens muss

man in so einem Fall helfen und zweitens wären wir auch froh, wenn uns jemand helfen würde.«

»Pfffff … Als würde uns das passieren. Du fährst

schließlich ordentlich!«

Ich lächelte sie an. »Das stimmt wohl. Aber so was kann

immer passieren.«

»Ja, ja«, maulte Hanna, schien aber trotzdem wenig

überzeugt von meinem Vorhaben zu sein. Ich hielt hinter dem Sportwagen an und stieg aus. Hanna folgte mir.

Der Mann lief fluchend hin und her und schien wild

gestikulierend mit einem Abschleppdienst zu telefonieren, welcher offensichtlich nicht so spurte, wie er wollte.

»Verdammte Scheiße! Ich muss zu einem Termin.

Entweder Sie schicken mir jemanden oder das wird ernsthafte Konsequenzen für ihr kleines Kack-Unternehmen haben! Das ist mir scheißegal! Sehen Sie zu, dass jemand vorbeikommt. Das will ich Ihnen auch raten! Sonst werde ich Ihr Unternehmen dem Erdboden gleichmachen!«

»Was für ein ekelhafter Kotzbrocken«, flüsterte Hanna

mir zu, während wir uns dem Mann vorsichtig näherten.

»Entschuldigen Sie bitte, können wir Ihnen helfen?«,

fragte ich vorsichtig.

Der Mann drehte sich schwungvoll um. »Warten Sie mal

kurz, hier sind zwei Witzfiguren, die wollen irgendetwas von mir«, sagte er in das Telefon und sah uns wütend an. »Was willst du, Klappergestell?«

Ich schluckte. Der Typ war auf 180 und mit seinen

geschätzten 1,90 Meter eine imposante Erscheinung. Er war bestimmt Manager oder Chef irgendeiner großen Firma. Zumindest hatte ich direkt ein Bild vor Augen, wie er seine Arbeiter zur Schnecke macht, weil ihnen ein minimaler Fehler
unterlaufen war.

»Hallo? Kommt da noch was? Oder bist du so

unterernährt, dass du vor lauter Hunger deine Zunge gefressen hast?«

Ich nahm meinen ganzen Mut zusammen. »Wir haben

gesehen, wie Sie in den Graben gefahren sind und wollten Ihnen unsere Hilfe anbieten«, antwortete ich freundlich und bemühte mich, nicht allzu unsicher zu wirken.

»Ihr? Ihr wollt mir helfen? Wenn ihr nicht binnen der

nächsten zwei Minuten einen Abschleppdienst aufbringen könnt, hört auf meine Zeit zu verschwenden und macht euch vom Acker. Ich hab Wichtigeres zu tun, als mich hier mit Kindern zu unterhalten.«

»Also, wenn meine Karre im Graben feststecken würde,

würde ich meine Schnauze nicht so aufreißen!«, mischte sich Hanna ein. Ich spürte, wie sie innerlich brodelte.

»Was willst DU denn jetzt von mir, du kleines Großmaul?

Kriech dahin zurück, wo du hergekommen bist.« Dann drehte er sich um und widmete sich wieder seinem Telefonat. »Ja, ich bin noch dran. Wann kommt denn jetzt jemand, Herrschaftszeiten noch mal?! Ich hab schließlich nicht ewig Zeit!«

»Das ist ja wohl nicht zu fassen. Was für ein

unfreundlicher Drecksack!« Hanna schüttelte völlig entsetzt den Kopf. »Und du wolltest ihm auch noch helfen …«

»Ich konnte ja nicht ahnen, was das für einer ist«, gab

ich nicht weniger schockiert zurück.

»Ihm hätte mehr passieren sollen, als dass nur seine

protzige Schleuder im Dreck steckt. Vielleicht wird so jemand wieder normal, wenn er mal ein ernsthaftes Problem hat. Wenn ihm ein Bein fehlt oder so was.«

»Hanna!«, tadelte ich sie. »So was wünscht man

niemandem!«

»Warum nicht? Verdient hätte er es …«
Ich sah sie strafend an.
»Ja, ja, schon gut«, lenkte sie ein. »Aber trotzdem, dass

so einer jetzt so davonkommt … Und vermutlich hat der arme Mensch vom Abschleppdienst auch noch so viel Angst vor ihm, dass er ihm gleich einen Abschleppwagen schickt.«

»Na ja, vielleicht haben wir ja Glück und sein Akku ist

leer, bevor er die Adresse durchgeben kann«, kicherte ich und auch Hannas Mundwinkel umspielte ein schadenfrohes Grinsen.

»Das würd ich ihm grad gönnen!«
Als wir zum Auto zurückgingen, hörten wir den Mann ins

Telefon brüllen: »Hallo? Hallo? Ist da noch jemand? Ach … verfluchtes Scheißhandy!« Dann nahm er sein Telefon und schleuderte es mitten in die Wiese.

Hanna stieß mir mit dem Ellenbogen in die Rippen. »Hast

du das gehört?«

»Sieht so aus, als wäre sein Handy tatsächlich kaputt!«

Ich grinste, während wir in das Auto einstiegen und wieder losfuhren.

»Wie geil ist das denn, Annie? Muahaha … Du kannst

zaubern!«, rief Hanna begeistert und klatschte dabei kindlich in die Hände.

Kurze Zeit später waren wir endlich in der Eisdiele

angekommen. Endlich, weil ich hoffte, Hanna so ein wenig von ihrem neuen »Annie kann zaubern«-Spleen abbringen zu können. Die ganze Autofahrt hatte sie über nichts anderes mehr gesprochen. Anfangs fand ich den Gedanken ja selbst ziemlich witzig, aber nachdem sie sich gar nicht mehr beruhigte und immer wieder von neuem anfing, wie toll, cool und sensationell es wäre, eine solche Fähigkeit zu besitzen, nervte es nur noch. Klar, ich war eh der Normalo von
uns beiden und längst nicht so ausgeflippt wie sie, aber das musste doch selbst ihr zu doof sein, oder nicht?

Wir nahmen Platz und ich vertiefte mich in die Karte,

während Hanna immer weiterplapperte.

»Stell dir das doch mal vor, Annie Potter. Wie cool das

wär!«

»Annie was?« Ich blickte auf und sah sie entgeistert an.
»Na ja, als echte Zauberin brauchst du schließlich auch

einen echten Zauberer-Namen.« Sie strahlte, offensichtlich amüsiert von ihrem Wahnsinns-Geistesblitz.

»Wenigstens nennst du mich nicht Annie Blocksberg«,

erwiderte ich leicht angesäuert.

»I wo! Harry Potter ist schließlich tausendmal cooler!«
»Da hast du wohl Recht.«
»Sag ich doch, Annie Potter.« Ihre Augenbrauen

sprangen hoch und runter.

»Weißt du schon, was du möchtest?«, versuchte ich sie

auf andere Gedanken zu bringen, doch Hanna ging gar nicht drauf ein.

»Nee, aber das ist mir jetzt auch egal. Stell dir doch mal

vor, man könnte wirklich zaubern!

»Mmhhmmhh …«, machte ich teilnahmslos und studierte

weiter die Eisbecher.

»Du hörst mir gar nicht zu«, beschwerte sie sich. »Alles,

was du dir jemals gewünscht oder erträumt hast, könntest du mit einem Wimpernschlag bekommen! Wäre das nicht phänomenal?«

»Mmhhmmhh …«
Hanna stöhnte frustriert. »Ach, Annie. Manchmal bist du

einfach so … so schrecklich realistisch!«

Ich zuckte gleichgültig mit den Schultern. Meine Mom

hatte mir das schon öfter gesagt, doch ich fand nicht, dass es sich dabei unbedingt um eine schlechte Eigenschaft handelte.

»Na ja«, seufzte sie, »du musst aber schon zugeben,

dass das echt zwei filmreife Zufälle waren, oder nicht?«

»Mmhhmhh …«
»Erst, dass der Wagen von der Straße abgekommen ist,

nachdem du der Meinung warst, dass so jemand nichts auf der Straße verloren hat. Dann das Handy, das plötzlich kaputtging …«

»Mmhhmhh …«
»Mensch, Annie, jetzt sag doch auch mal was dazu!«
»Was soll ich denn dazu sagen?«, jammerte ich und sah

sie flehend an, dieses Thema doch endlich ruhen zu lassen.

»Na, wie unglaublich du das findest. Zum Beispiel.« Sie

verschränkte die Arme und sagte das in einem Ton, als würde jeder normale Mensch – außer mir natürlich – sich jetzt den Kopf darüber zerbrechen.

»Sei mir nicht böse, aber können wir uns bitte über

etwas anderes unterhalten? Ich hab echt keine Lust mehr, weiter darüber zu reden.«

Sie zog fragend die Augenbrauen nach oben. »Warum

das denn nicht?«

»Weil es einfach absolut unrealistisch ist, Hanna. Kein

Mensch kann zaubern«, erklärte ich genervt.

Geknickt sah sie mich an.
»Und noch was: Selbst wenn ich zaubern könnte und in

Hogwarts zur Schule gehen würde, wäre ich sicher nicht Harry Potter.«

Letzte Aktualisierung: 19.01.2017

 

Unter Hope & Despair:

 

- Spin-off :)