03.07.2014

Kapitel 1

 

Dad? Brauchst du noch was von hier unten?«

»Was?«

»Was?«, äffte ich ihn nach. Furchtbar! Dad wollte partout nicht einsehen, dass ab einem gewissen Alter ein Hörgerät einfach Pflicht war. Vielleicht sollte es dafür ein Gesetz geben. Am besten eines, das zu den Grundrechten eines jeden Menschen gehört.
§ Irgendwas: Jedes Kind sollte das Recht haben, dass seine Eltern ab dem 40. Lebensjahr mit Hörgeräten ausgestattet werden – auch gegen ihren Willen.

»Ob du noch was von hier unten brauchst!«, brüllte ich so laut ich konnte zurück. Der genervte Unterton in meiner Stimme war nicht zu überhören.

»Nein … nein, ich glaube nicht, Liebes.«

»Sicher?«

»Sicher!«

Ich stapelte die leeren Holzkisten in einer Ecke des Kellers und ging die Treppe zum Laden hinauf. Raus aus unserem furchtbaren Keller. Unser Keller war ein echt typisches Exemplar, so wie man ihn sich vorstellte oder vielmehr befürchtete. Alt, muffig, feucht, mit jeder Menge gruseligen, ekelerregenden Spinnen und den dazugehörigen – leider nicht ausbleibenden– verhängnisvollen Spinnennetzen an Wänden und Ecken, die einfach dazu bestimmt waren, mit dem Kopf voran hineinzulaufen, um sich das Netz dann wieder angewidert aus dem Gesicht zu kratzen – wobei man natürlich mehrmals nachfassen musste, um auch die feinsten Spinnenfäden zu erwischen. Früher war das hier bestimmt gar kein Keller. Dem Aussehen nach zu urteilen musste es ein Friedhof, eine Grabstätte oder so etwas in der Art gewesen sein. Ob die Leute meinem Dad das Obst auch noch abkaufen würden, wenn sie wüssten, wie der ganze Kram gelagert wurde? Dad war ja der Meinung, dass es für Obst kein besseres als ein kalt-feuchtes Klima gäbe, doch in Anbetracht der furchteinflößenden Spinnen war ich mir dessen nicht so sicher. Vermutlich war der ganze Gemüseladen nur ein Vorwand, um hier Unmassen von Obst zu lagern, damit Dad hier unten unbemerkt eine gefährliche Spinnenkolonie züchten konnte, die er dann später dazu benutzen wollte, um die Weltherrschaft an sich zu reißen. Wie bei dem Zeichentrickfilm »der Pinky und der Brain«. Nur, dass mein Vater irgendwie Pinky und Brain in einer Person war. Mein Dad Fred, oder wie ihn hier alle nannten »Fruity-Fred«, hatte einen kleinen Obst- und Gemüseladen hier in Greenwood. Zum Glück hatte das Dorf nicht mehr als 500 Einwohner, und Dads Laden war neben einem kleinen Getränkeladen und einer Bar das einzige Geschäft, in dem man etwas käuflich erwerben konnte. Wahrscheinlich hielt es uns deshalb halbwegs über Wasser. Dad liebte die Landwirtschaft und träumte von einer großen Milchviehherde. Doch da die Milchpreise immer weiter in den Keller purzelten, blieb mir wenigstens dieses Schicksal vorerst erspart. Ich konnte sowieso nichts mit Kühen anfangen. Ganz im Gegenteil, ich hatte sogar Angst vor ihnen und außerdem reichte es auch schon, wenn ich nachmittags nach der Schule im Laden aushelfen musste. Auf stundenlanges Kuhscheiße misten war ich beim besten Willen nicht scharf. Nach gefühlten 100 Stufen war ich wieder im Laden. Dad musterte mich.

»Was ist?!«, patzte ich ihn missgelaunt an. Er sah so aus, als wenn er jetzt doch noch etwas aus dem Keller benötigte.

»Ähm … Emma, Liebes, ich seh‘ grad’, die Pink Ladys sind alle. Würdest du deinem alten Herren doch noch welche raufholen?« Oh Mann! Mein Dad war ja so was von berechenbar!

»Mach’ ich«, knurrte ich und drehte mich auf dem Absatz um, um wieder in dem Kellergewölbe oder Grabgewölbe, wie ich es scherzhaft nannte, zu verschwinden. War ja klar … Immer, wenn ich aus dem Keller kam, fiel Dad wieder irgendetwas ein, was er noch brauchte, um mich dann erneut hinunterzuschicken. Unsere Höchstleistung an Mehrfachgängen in den Keller lag derzeit bei fünf. Ich wartete jetzt schon auf den Tag, an dem Dad diese Zahl toppen und mich sechsmal (oder noch öfter) hintereinander in den Keller schicken würde.

Auch, wenn er es selbst auf seine eigene Schusseligkeit zurückführte, hatte ich das Gefühl, dass er das manchmal absichtlich tat. Zumindest konnte er nicht leugnen, wenigstens ab und zu seinen Spaß daran zu haben.

Ich schnappte mir eine der Apfelkisten und machte mich auf den Weg zurück in den Laden.

Ich schnaufte, als ich die Treppe ein zweites Mal hochstieg. Die Treppe war zwar nicht besonders lang (nicht mehr als 20 Stufen oder so), aber ich war leider auch der Inbegriff der Unsportlichkeit. Jemand, der noch unsportlicher sein sollte als ich, konnte nur tot sein.

Auf der Hälfte der Treppe hörte ich das leise Klingeln der Türglocke, die anzeigte, wenn Besucher den Laden betraten. Oh nein … Hoffentlich waren es keine bekannten Leute. Bitte, bitte mach, dass es fremde Leute sind! Ich hatte keine Lust auf irgendwelche Omas und Opas, die mir in die Backe kniffen, mir sagten, wie groß ich geworden sei und wie nett sie es von mir fänden, dass ich meinem Vater helfen würde. Und schon gar nicht wollte ich irgendwelchen Klassenkameraden hier begegnen. Die meisten von ihnen wussten zwar sowieso, dass ich nachmittags bei meinem Dad aushalf, aber sie mussten ja nicht ständig daran erinnert werden. Ich wurde schließlich schon genug gehänselt.

Aber so war das eben, wenn man nachmittags bei seinem Dad arbeiten musste, anstatt sich wie die anderen nach der Schule treffen zu können. Wobei ich das nie als schlimm empfunden hatte. Klar, die Arbeit war zum Kotzen, aber meine Klassenkameraden trafen sich eh meistens nur zum Rauchen, oder um ein paar Bier platt zu machen. Bier schmeckte mir ohnehin nicht und wenn mir jemand einen dieser Stinkstängel anbieten würde, würde ich ebenfalls ablehnen. Ob ich nun blöd angemacht wurde, weil meine Eltern nicht so viel Geld hatten und ich im Laden aushelfen musste, oder weil ich weder Bier trank noch rauchte, war ja letztendlich auch egal ...

Vorsichtig stieg ich die restlichen Stufen nach oben und linste den schmalen Gang in den Laden hinein. Ein großer, gut aussehender junger Mann stand vor dem Verkaufstresen und unterhielt sich angeregt mit meinem Dad. Ob er sich verirrt hatte? Er sah zumindest nicht so aus, als wollte er etwas kaufen. Schnell schlüpfte ich in die Mitarbeitertoilette, stellte die Kiste ab und zupfte geschickt ein paar Strähnen aus meinem Zopf hervor. Wer auch immer das sein mochte, er sollte mich nicht mit meinem üblichen, langweiligen Pferdeschwanz sehen, den ich meistens so streng nach hinten gebunden hatte, dass er mein komplettes Gesicht straffte. Nicht, dass ich es nötig gehabt hätte, aber meine glatten braunen Haare hingen sowieso immer wie durchgegarte Spaghetti an meinem Kopf herunter, und meine Haare zu einem Pferdeschwanz zusammenzubinden war die schnellste Frisur, die ich morgens vor der Schule zaubern konnte. Auch, wenn meine Mutter immer sagte, damit sähe ich aus wie meine eigene Oma, aber mehr war frühmorgens leider nicht drin. Dafür schlief ich lieber länger. Selbst schuld, schließlich hatten sie mir auch den altmodischen Namen meiner Großmutter verpasst. Sollten Dana oder Amilia oder wie sie alle hießen, ruhig morgens um fünf Uhr aufstehen, damit sie gestylt wie Topmodels in der Schule ankamen. Mit einem Model konnte ich sowieso nicht mithalten. Also, wofür sich die Mühe machen? Ich war zwar immer schon groß und schlank gewesen, aber ansonsten gewöhnlich wie jede andere. An mir gab es nichts Besonderes … Oder doch, Moment. Waren negative Eigenschaften auch etwas Besonderes? Wenn ja, waren meine Haare etwas Besonderes. Etwas ganz Besonderes sogar! Ich kannte keinen Menschen, dessen Haare ständig so schlapp am Kopf herunterhingen, wie meine. Selbst, wenn ich frisch aus der Dusche kam, meine Kopfhaut danach mit Lockenwicklern perforierte und so viel Haarspray benutzte, dass ich womöglich allein für das Ozonloch hätte verantwortlich sein können: zehn Minuten und meine Haare waren wieder so gerade wie ein Highway …

»Emma? Hast du die Äpfel?«

Ich griff nach der Kiste und betrat den Verkaufsraum.

»Das ist meine Tochter Emma«, stellte Dad mich vor.

»Hey, ich bin Liam!« Ein unwiderstehliches Lächeln entblößte eine Reihe makelloser weißer Zähne, und er reichte mir die Hand.

Ich stellte die Holzkiste auf dem Boden ab, ergriff seine Hand und hauchte ein atemloses »hey« zurück. Liam hatte einen festen Händedruck. Das würde Dad gefallen! Seine Hände waren groß und sahen stark aus, doch seine Haut war seidenweich und warm. Schnell entzog ich ihm meine kalte schweißnasse Hand und rieb sie an meiner ausgefransten Jeans trocken. Zu meinem Bedauern hatte ich immer kalte Hände. Hinzukam, dass sie auch noch ständig schweißnass wurden, sobald ich etwas aufgeregt war.

»T’schuldigung. Ist klebrig – von den Äpfeln«, log ich schnell, doch Liam sah nicht sehr überzeugt aus und musterte mich mit einer hochgezogenen Augenbraue.

»Liam’s Familie ist gestern in die Nähe der Fields gezogen. Er wollte sich erkundigen, ob wir vielleicht eine Aushilfskraft suchen. Tüchtiger Junge, nicht wahr?«

In die Nähe der Fields? Dann wohnte er ja nur ein paar Häuserblocks von mir entfernt. Ich wusste nicht wieso, doch ein kleiner Freudenstoß durchfuhr mich.

Liam grinste lässig. Ich überhörte nicht, wie mein Vater die Worte erkundigen und Aushilfskraft betonte. Scheinbar hatte Liam sie verwendet und mein Vater schien ganz angetan von seiner vornehmen Ausdrucksweise zu sein.

»Ich hab’ mir gedacht, dass er dich ein bisschen ablösen könnte. Dann brauchst du nicht jeden Tag zu helfen und könntest stattdessen ein bisschen was für die Schule tun.«

»Dad, ich …« Doch er ließ mich nicht aussprechen.

»Kein aber … Deine Note heute in Mathe spricht doch wieder für sich. War mal wieder haarscharf.«

»Dad …« Doch mein Vater ließ sich nicht beirren.

»Wenn du so weiter machst, wirst du noch als arbeitsloser Penner in der Gosse enden und dich aus Mülleimern ernähren.«

»Dad!«

Prima … Musste er mich ausgerechnet jetzt darauf aufmerksam machen? Auf den Auslöser meiner ganzen hundsmiserablen Laune heute? Mathe war einfach nicht mein Ding. Sozusagen das berühmte Buch mit sieben Siegeln–zumindest für mich … Ich hatte drei Wochen zuvor am Stück gelernt und gedacht, ich hätte es kapiert, doch nachdem ich heute meine Arbeit zurückerhielt, auf der ein dickes rotes D mit einem Minus, so lang von hier bis nach Australien, prangte, verließ mich jegliche Hoffnung irgendwann hinter die Logik der Mathematik zu steigen. Emma und Logik… Scheinbar waren das zwei Dinge, die sich gegenseitig ausschlossen. Wie die zwei gleichen Seiten eines Magnets – wobei die noch denkbarer gewesen wären… Eigentlich war das mit dem Minus ja nicht üblich, doch mein überaus netter und zuvorkommender Lehrer wollte mich wohl sanft darauf aufmerksam machen, wie knapp meine Note dieses Mal wieder gewesen war.

Mathe war einfach ein Arschloch, dessen Freund ich in diesem Leben nicht mehr werden konnte. Damit hatte ich mich im Gegensatz zu meinem Vater schon längst abgefunden. Liam grinste jetzt noch mehr. Seine Brust bewegte sich etwas schneller auf und ab – zu schnell für eine normale Atmung, und obwohl er keinen Ton von sich gab, war ich mir sicher, dass er mich auslachte.

»Na toll ... herzlichen Dank Dad«, murmelte ich und senkte verschämt den Blick.

»Ich bin ganz gut in Mathe. Ich könnte dir Nachhilfe geben.«

Entsetzt blickte ich Liam an, der mir munter zuzwinkerte. Wie peinlich war das denn bitte? Würde ich jemals von einer Demütigung, die sich mir bot, verschont bleiben?

»Nicht nur höflich, sondern auch noch schlau«, lobte mein Dad.

»Was hältst du davon, Emma?«

»Auf gar keinen Fall …«, nuschelte ich und merkte, wie meine Wangen heiß wurden. Eigentlich hatte ich das so leise gesagt, dass Liam es nicht hören konnte, doch jetzt schien er wirklich Schwierigkeiten zu haben, sein Lachen zu unterdrücken. Womöglich war es mir auch lauter herausgerutscht, als beabsichtigt, wobei Dad sich in diesem Fall mit Sicherheit eingemischt hätte. Vielleicht gab ich aber auch nur so ein lächerliches Bild ab, dass er sich deswegen nicht mehr halten konnte. Wäre ja nicht das erste Mal, dass mich jemand auslacht – ohne ersichtlichen Grund für mich …

»Na ja, du kannst es dir ja noch überlegen. Liam werden wir ab jetzt öfter hier sehen. Vorausgesetzt du möchtest hier anfangen?« Fred blickte Liam mit seinem freudestrahlenden Verkaufswunderlächeln an. So nannte ich es zumindest immer, wenn er über beide Backen strahlte. Meistens tat er das, wenn er einem Kunden besonders viel aufschwatzen konnte. »Ich würde mich freuen, Mr Forsyth«, antwortete Liam höflich und reichte meinem Dad die Hand. »Guter Händedruck Liam!«, freute sich mein Dad. Argh!

Ich wusste es! Obwohl es nicht beabsichtigt war, entfuhr mir ein tiefer Seufzer.

»Räumst du bitte die Äpfel beiseite? Und zeigst Liam dann alles?«

Ich nickte und bückte mich, um die Apfelkiste aufzuheben, doch Liam war schneller.

»Warte, ich helf ’ dir. Die ist doch sicher schwer …«

Und wie schwer sie war! Liam jedoch riss die Kiste in die Höhe, als wäre sie nur mit Federn gefüllt und ich sah, wie sich unter den hochgekrempelten Hemdsärmeln die Muskeln seiner trainierten Arme spannten. Leider hatte mein Gehirn Liams Hilfsangebot noch nicht registriert und ich bückte mich weiter nach vorne, sodass wir mit den Köpfen zusammenstießen.

»Aua …«, jammerte ich und rieb mir die Stirn. Warum musste immer mir so etwas passieren?

»Sieht wohl so aus, als hätte doch ich den Holzkopf von uns beiden …« Liam schenkte mir ein derart atemberaubendes Lächeln, dass mein Herz sofort ins Stocken geriet, und blickte mir dabei tief in die Augen. Mein Gejammer schien ihn offensichtlich zu amüsieren. Ich korrigierte mich. Er war nicht nur gut aussehend. Er war überaus gut aussehend. Um genau zu sein, war er der bestaussehendste Junge, den ich je in meinem ganzen Leben gesehen hatte. Seine schwarzbraunen Augen waren tiefgründig und funkelten wild, und sein dunkles, streichholzkurzes, zerzaustes Haar lud geradewegs dazu ein, darin herumzuwühlen, als wäre man Dagobert Duck in seinem Geldspeicher.

»Klar erkannt …«, zischte ich, entsetzt darüber, welche merkwürdigen Gefühle er in mir auslöste. Ich rieb mir weiter die Stirn, während Liam mir mit der Kiste folgte.

Nachdem wir die Äpfel verstaut hatten, erklärte ich ihm, wie welche Obst- und Gemüsesorten hießen.

Ich hatte eigentlich vor, ihn ein bisschen zu ärgern. Ich fragte immer wieder nach den seltensten und schwierigsten Obst- und Gemüsesorten, doch zu meinem Ärger wusste er jedes Mal die korrekte Antwort.

»Klugscheißer …«, brummte ich und resignierte. Liam grinste breit.

»Wir sehen uns dann am Montag in der Schule!«, verabschiedete er sich und verschwand aus der Ladentür. Gedankenverloren starrte ich ihm hinterher.

»Toller Typ, oder?« Dad hatte sich von hinten an mich herangeschlichen, ohne dass ich es bemerkt hatte. Erschrocken zuckte ich zusammen.

»Ganz okay, glaub’ ich …« Ich musste meinem Vater ja nicht gleich auf die Nase binden, dass ich ihn mindestens genauso toll fand wie er. Fred musterte mich argwöhnisch.

Ihm schien nicht entgangen zu sein, dass mir Liams Schönheit aufgefallen war, sagte aber nichts dazu. Ich, in Verbindung mit Jungs, gehörte glücklicherweise nicht zu Dads Lieblingsthemen. 

Kapitel 2

Montagmorgen stand ich früher auf als sonst und zwang mich unter die Dusche. Normalerweise tat ich das immer abends vorm zu Bett gehen, doch diesmal wollte ich vor der Schule duschen. Ich redete mir ein, dass ich einfach mal etwas anderes ausprobieren wollte und das absolut nichts mit Liam zu tun hatte, den ich heute wiedersehen würde.

Eigentlich lief mir meine Mutter in der Frühe selten über die Füße. Sie arbeitete als Köchin und war grundsätzlich zu den Zeiten, an denen ich zu Hause war, arbeiten.

»Morgen Mäuschen, du bist schon wach?!« Ihr Mund blieb von der Frage offen, dazu ein hübscher, entsetzter Gesichtsausdruck. Nett!

»Ähm … ja? Wollte duschen.«

»Morgens?!« Meine Mutter schien aus allen Wolken zufallen.

»Ist das so ungewöhnlich?«, pampte ich sie an, in der Hoffnung, sie würde das Gespräch fallen lassen. Auch, wenn ich mich ausnahmsweise früh aus dem Bett geschält hatte, hieß das noch lange nicht, dass meine Morgenmuffeligkeit liegen geblieben war. Mein Plan funktionierte.

»Ei-gent-lich sch-on«, stotterte sie, ging dann aber zurück in ihr Schlafzimmer, um sich anzuziehen.

»Ist bestimmt wegen dem neuen Jungen«, hörte ich Dad sagen.

»Welcher neue Junge?« Das hatte definitiv das Interesse meiner Mutter geweckt. Sie war ja schon lange dafür (um genau zu sein, seit ich ungefähr aus den Windeln raus war), dass ich mir endlich einen Freund suchen sollte.

»Liam – ein überaus höflicher, gut aussehender junger Mann, der neu in unsere Nachbarschaft gezogen ist.« Ich konnte es zwar nicht sehen, doch ich konnte mir bildlich vorstellen, wie meine Mom jetzt strahlte.

»Wurd‘ ja auch langsam Zeit, dass sie sich für Jungs interessiert. Als ich 16 war …«

»Daran erinnerst du dich noch? Ist ja ne Ewigkeit her!«, neckte mein Vater sie.

Ja! Gut so, Dad! Verpass ihr einen Dämpfer, dann bleibt uns der Rest erspart.

»Na ja, jedenfalls dachte ich schon, unsere Tochter sei eine asexuelle Amöbe und würde noch zwischen deinem ollen Gemüse verschimmeln.«

 

Ich biss die Zähne zusammen. Konnte meine Mutter nicht ein einziges Mal zwischen den Dingen unterscheiden, die gesagt werden durften und denen, die man höflichkeitshalber lieber nur denken sollte? Bekam so etwas nicht sogar jedes kleine Kind beigebracht?

»Jetzt lass sie doch … Sei froh, dass das nicht früher angefangen und sie uns nicht einen Idioten nach dem anderen mit nach Hause geschleppt hat …«

»An denen hätte sie aber üben können. Hoffentlich verschreckt sie den Jungen nicht mit ihrer Ahnungslosigkeit…«

In Bezug auf meine Sexualität war meine Mutter schrecklich. Wenn aus irgendeinem Grunde das Thema aufgegriffen wurde – und damit meine ich ganz sicher nicht freiwillig von mir – übertrat sie sämtliche Grenzen, die es gab. Mir wurde nichts sachlich geschildert – ohhh nein! Ich wurde mit vulgären Aussagen regelrecht bombardiert, die mich noch Wochen später, allein nur bei dem Gedanken daran, erröten ließen.

Bevor sie das Thema noch weiter vertiefen konnten und mich womöglich noch mit einbezogen, schlüpfte ich schnell unter die Dusche und ließ mir heißes Wasser über den Körper rieseln. Das tat gut … Ich seufzte laut. Dann klopfte es an der Tür.

»Schatz? Kann ich reinkommen? Oder tust du gerade etwas Unanständiges?« Ich hörte sie kichern. Keuchend schnappte ich nach Luft. So etwas konnte nur von Ava kommen. Ich dachte bewusst Ava, nicht Mutter. Irgendetwas schien – nein, musste – damals im Krankenhaus schiefgelaufen sein. Ich gehörte bestimmt zu einer wohlgesitteten Familie. Sie hatten mich einfach nur vertauscht…

»Was ist jetzt? – Fertig? Oder noch fünf Minuten?« Wieder dieses Kichern: »Ih ih ih.« Meine Mutter hätte hervorragend die böse Hexe in einem Horrorfilm spielen können. Zumindest wäre es schon mal nicht notwendig gewesen, ihre Lache zu vertonen.

»Komm rein!«, zischte ich genervt. Nachdem ich das Shampoo und das Duschgel abgewaschen hatte, trat ich aus der Dusche und rubbelte mich trocken.

»Da unten solltest du dich jetzt immer besonders gut waschen.« Sie blinzelte auf die Stelle, wo sich normalerweise der Reißverschluss der Hose befand.

»Mom …«, stöhnte ich. Steckte ich für heute Morgen nicht schon genug in Peinlichkeiten und Demütigungen? Wollte sie mich auch noch darin ersticken?

»Wirklich … man weiß nie, wann es soweit ist.«

»Mom!« Noch ein Wort und ich müsste ihr das Handtuch ins Maul stopfen.

»Paps hat einen Gemüseladen. Kein Fischgeschäft. Die Ausrede fällt somit flach.«

»Dad! Mom ist wieder so … SCHRECKLICH!« Mein Hilfeschrei sollte eigentlich meinen Vater dazu holen. Er war mir gegenüber in solchen Dingen viel zu verklemmt. Das Gespräch wäre sehr schnell beendet gewesen, doch leider erstarb mein Hilferuf unter dem lauten Summen des Föhns. So blieb mir nur noch die Flucht aus dem Badezimmer.

Ich rubbelte meine Haare so gut es ging mit dem Handtuch trocken, zog mich an und band meine Haare duttähnlich hinter dem Kopf zusammen. Auch, wenn überall Haarsträhnen heraushingen und der Haarknoten eher kläglich aussah, aber ein Pferdeschwanz war heute ausgeschlossen. Nicht, weil ich Liam dieser langweiligen Frisur nicht schon wieder aussetzen wollte, sondern weil meine Haare so lang waren, dass in kurzer Zeit mein ganzes Shirt nass gewesen wäre – zumindest redete ich mir das ein. Ganz passabel dachte ich, und meine grünen Augen betrachteten mich zufrieden im Spiegel.

Als ich runter in die Küche ging, war meine Mutter zum Glück schon weg. Noch mehr hätte ich heute Morgen auch nicht ertragen. Schnell löffelte ich eine Schale Schokomüsli und machte mich auf den Weg zur Schule.

 

Mein Fußweg dauerte eine halbe Stunde.

Ob Liam auch schon unterwegs war? Verstohlen blickte ich mich um. Und wenn schon, konnte mir das nicht egal sein? Würde es mich nicht völlig kalt lassen? Ich ging doch schließlich jeden Morgen allein zur Schule. Trotzdem erwischte ich mich dabei, wie ich mich immer wieder umdrehte. Scheinbar war es mir nicht GANZ egal. Aber zum größten Teil … Ja, zum größten Teil. Ganz sicher.

Auf dem Schulhof angekommen, war Liam bereits dort. Umringt von einer Heerschar von Mädchen. Ein Gefühl von Aggression machte sich in mir breit, gepaart mit einem Tick Verzweiflung. Normale Menschen würden das wohl als Eifersucht bezeichnen. Dieses Gefühl kannte ich noch gut aus Kindertagen. Wenn meine bescheuerte Cousine zu Besuch kam und grundsätzlich mit dem spielen wollte, was ich gerade in der Hand hatte. Meine Mutter bevorzugte sie dann immer und ich musste mein Spielzeug abgeben. Allerdings war dieses Gefühl hier schlimmer. Eifersüchtig konnte man doch eigentlich nur werden, wenn andere einem etwas wegnahmen, was einem gehörte, oder? Gehörte Liam mir? Nein. Aber ich hatte ihn zuerst gesehen! Gab mir das irgendeinen Anspruch auf ihn? »Irgendwie schon!!«, brüllte mein Herz, doch mein Verstand sagte schlicht: »Nein«. Wollte ich denn überhaupt einen Anspruch haben? Schließlich schien er sich geradezu in der Aufmerksamkeit zu suhlen, die ihm heute Morgen entgegengebracht wurde. Dieser selbstgefällige kleine Wurm … Und wie er sich ständig verlegen ins Genick fasste und dann grinste er noch ununterbrochen so dämlich. Oh Mann … Er sah wirklich hinreißend in seiner verwaschenen Jeans aus! Sein weißes Hemd hing an einer Seite lässig aus der Hose, war an den Ärmeln hochgekrempelt und oben leicht aufgeknöpft, wodurch man seine muskulöse Brust erahnen konnte. Ich erinnerte mich an den Anblick von gestern, wie sich seine leicht gebräunte Haut über seinen starken Bizeps spannte, als er die Kiste mit den Äpfeln hochhob. Ich senkte meinen Blick und ging im großen Bogen an ihm vorbei. Hoffentlich sah er mich nicht. Wenn die anderen jetzt aufmerksam wurden, spotteten sie bestimmt noch mehr über mich, um sich vor Liam zu profilieren. Das würde gerade noch fehlen.

Ich hatte Glück. Keiner schenkte mir Beachtung. Was bildete ich mir überhaupt ein, dass jemand wie Liam auf jemanden wie mich aufmerksam wurde. Manchmal war ich ein echter Einfaltspinsel. Ich schmunzelte, als mir dieses Wort einfiel. Dad benutzte es zu gern.

Als ich im Klassenraum angekommen war, ging ich zielstrebig auf meinen Tisch zu. Die Betonung lag hier auf meinen Tisch. Natürlich saß ich allein. Ich war die Einzige, die allein saß. An dem Tisch neben mir saßen ein Junge, Edwin, und ein Mädchen, Roswitha. Sie waren mindestens genauso unbeliebt wie ich. Meiner Meinung nach waren sie allerdings auch nicht ganz dicht. Liefen immer in schwarzen Mänteln rum, auch wenn es draußen noch so heiß war. Und der Junge war sogar geschminkt! Aber sie hatten wenigstens einander. Manchmal sprachen wir zusammen, doch sie blieben lieber für sich. Genau wie ich lieber für mich blieb.

Ich warf meinen Rucksack auf die Tischseite, die ich nicht benötigte, und wartete darauf, dass der Unterricht anfing – wie jeden Morgen.

Langsam füllte sich das Klassenzimmer.

Ich konnte Liam gar nicht sehen. Vermutlich war er in einer anderen Klasse untergebracht. Ich wusste ja noch nicht einmal, wie alt er überhaupt war. Vielleicht war er sogar eine Stufe unter mir? Nein, eher unwahrscheinlich. Jünger als ich sah er bestimmt nicht aus. Aber älter? Das konnte gut sein. Alle Aufregung völlig umsonst. Irgendwie erleichtert ließ ich meinen Kopf auf die Tischplatte sinken und schloss noch einmal kurz die Augen. Ich war noch recht müde, hatte ich mich doch heute Morgen – so unnütz – früh aus dem Bett gewälzt. Ich lächelte darüber. Wie albern von mir …

 

Mr Pickel betrat den Raum und das Getuschel verstummte.

»Guten Morgen«, sagte er höflich und wartete darauf, dass die Klasse ihm antwortete.

Selbstverständlich machten wir das brav. Die einen schnell, die anderen weniger schnell. Nachdem auch der letzte Mr Pickel begrüßt hatte, begann dieser erneut zu sprechen.

»Bevor wir heute mit dem Unterricht anfangen, möchte ich euch euren neuen Mitschüler vorstellen.« Ich hob aufmerksam den Kopf von der Tischplatte. Liam kam doch in meine Klasse? Mein Herz begann zu klopfen. Schnell scannte ich das Klassenzimmer nach einem freien Platz und wo er sich folglich hinsetzen würde. Zu früh gefreut!

Dana, Amilias beste Freundin, schien heute nicht da zu sein, sodass neben ihr der Platz frei war. Liam würde sich bestimmt dorthin setzen. Neben die wunderschöne Amilia, die bereits so fraulich und erwachsen aussah, als wäre sie mindestens 25 Jahre. Es versetzte mir einen kleinen Stich in meine Herzgegend. Ich führte es auf meine gekränkte Eitelkeit zurück. Als Liam das Klassenzimmer betrat, bat Mr Pickel ihn, sich kurz vorzustellen. Liam wandte sich zur Klasse und ich lauschte seiner männlichen Stimme.

»Hey, ich bin Liam Hunter, komme aus Northville bei den Blackstone Hills und bin vor Kurzem 17 geworden.«

Bingo! Ich würde in einem halben Jahr 17 werden. Das würde ja schon mal zu meiner altmodischen Vorstellung, dass der Mann älter als die Frau sein muss, passen. Ich grinste schelmisch. Amilia rückte den Stuhl neben sich zurecht, warf ihre langen blonden Locken zurück und blickte Liam mit einem verführerischen Lächeln an.

Miese Schlampe! Meine Augen verengten sich ungewollt zu Schlitzen, doch zu meiner Überraschung beachtete Liam sie gar nicht.

»Hi Emma«, begrüßte er mich herzlich, »kann ich mich neben dich setzen?«

Wortlos und verdattert darüber, dass er Amilia hatte abblitzen lassen, zog ich für ihn den Stuhl zurück und sammelte meine Tasche ein. Ich war so perplex, dass ich noch nicht mal fähig war, zu antworten.

»Ich hab dich schon auf dem Schulhof vermisst. Hast du gut geschlafen?«

Ich nickte wortlos. Er hatte mich vermisst … Auch wenn es nicht ganz dem Sinn entsprach, den dieses Wort bereithielt, freute ich mich darüber. Mein Herz machte einen kleinen Hüpfer. Liam starrte mich erwartungsvoll an. Ich blickte in seine wunderschönen Augen, die von dichten, dunklen Wimpern umrahmt wurden.

»Und? Gut geschlafen?«

Ach so ... Ich sollte etwas sagen.

»Ähm, ja. Du auch?«

Er nickte.

»Wolltest du dich nicht lieber zu Amilia setzen?« Jetzt, nachdem er saß, konnte ich ruhig gönnerhaft sein.

»Wer ist Amilia?« Schon wieder ein kleiner Hüpfer, der von meinem Herz vollführt wurde. War sie ihm tatsächlich nicht aufgefallen? Ich konnte es nicht glauben. Amilia wurde von ausnahmslos ALLEN Kerlen angehimmelt. Sollte Liam immun gegen sie sein? Gegen sie und ihre langen blonden Locken, mit denen sie sich medusaartig reihenweise Kerle angelte? Oder lag es daran, dass er sich, da er noch neu war, nicht auf so viele Sachen gleichzeitig konzentrieren konnte? Wahrscheinlich eher das Letztere. Amilia würde schon noch ihre Krallen in ihn versenken … oder hatte Amilia womöglich kein Interesse? Hatte sie nur aus Höflichkeit den Stuhl angeboten? Ich betrachtete Amilia, die uns aus den Augenwinkeln beobachtete. Nein … definitiv nicht. Erstens tat Amilia nie etwas aus reiner Höflichkeit, wenn sie daraus keinen eigenen Nutzen ziehen konnte und zweitens hatte Amilia Interesse. Das sah selbst ein Blinder mit Krückstock. Und dass Liam sie vorhin verschmäht hatte, schien das alles noch zu bestärken. Gäbe es eine Skala, mit der man ihr Interesse an Liam messen könnte, würde sie bestimmt Billionen oder so heißen.

 

Es klingelte. Nachdem wir die Stunde fast schweigend nebeneinander verbracht hatten, stand ich auf und ging wie gewohnt auf den Pausenhof. Ich setze mich auf ein paar Palisaden, die etwas Grünzeug einrahmten, und packte mein Pausenbrot aus. Ich hatte nicht erwartet, dass Liam mir folgen würde, doch plötzlich setzte er sich neben mich.

»Ähm … ich hoffe, ich nerve nicht. Aber es ist schön, wenn man schon jemanden kennt.« Wieder dieses strahlende Lächeln. Konnte er nicht mal aufhören damit? Mir wurde ganz warm ums Herz. Liam griff in seine Tasche und holte ebenfalls sein Pausenbrot hervor. Ein Brötchen, das dick mit Mett bestrichen war.

Ungläubig starrte ich erst ihn an, dann das Mettbrötchen. Wie er wohl aussehen würde, wenn sich zwischen seinen strahlend weißen Zähnen lauter Mettreste befanden? Tat das seiner Schönheit einen Abbruch? Nein … bestimmt nicht … Selbst, wenn er dazu noch Zwiebeln aß (was mein Vater bei Mettbrötchen immer tat) und danach wie ein alter Ziegenbock roch, würde mich das nicht stören.

Liam sah mich an und verfolgte meinen Blick zu seinem Mettbrötchen.

»Willst du mal beißen?«

Hä? Was wollte ich?

»Ganz werd‘ ich es dir nicht geben. Ich hab’ mega Kohldampf. Aber ich würde dich beißen lassen.« Und schon wieder lächelte er dieses verführerische Lächeln.

»Ähm … nein, ich mag Mett – rohes Fleisch – nicht besonders …«

Wenn er so lächelte, brachte mich das total aus der Fassung. Unmöglich, unter diesen Umständen noch einen intelligenten Satz zu formen.

»Echt nicht? Mettigel sind meine Lieblingstiere.« Er lachte und seine Stimme klang wie Musik in meinen Ohren.

Ich schüttelte wortlos den Kopf und biss in mein Pausenbrot. Liam tat das Gleiche. Er biss mit seinen blitzweißen Zähnen manierlich Stückchen für Stückchen von dem Brötchen ab. Oh Mann … Er sah sogar beim Mettessen unverschämt gut aus. Wie machte er das nur? Ich bemerkte gar nicht, wie ich das Essen eingestellt hatte und Liam anstarrte, bis er mich mit einem lächelnden »was denn?« darauf aufmerksam machte. Verschämt senkte ich den Blick.

»Ähm …« Ich sollte mir schnell etwas überlegen, was mich nicht wie einen kompletten Volltrottel aussehen ließ, auch wenn es mittlerweile mit Sicherheit zu spät dafür war, doch wollte mir auf die Schnelle einfach nichts einfallen. Glücklicherweise begann Liam das Gespräch von Neuem.

»Warum sitzt du hier eigentlich alleine in der Pause herum und bist nicht bei den anderen?«

Mein Mund klappte hörbar zu. Mööp! Falsche Frage!

»Ich … äh … ich bleib’ lieber für mich. Ich kann mit den anderen … äh … nicht so viel anfangen, weißt du?« Oh Emma! Natürlich wusste er nicht. Jemand wie Liam konnte sich wahrscheinlich nicht einmal eine Cola holen, ohne dabei von einem Schwarm Frauen begleitet zu werden.

Liam zog ungläubig eine Augenbraue nach oben. Seinen Gesichtsausdruck konnte ich jetzt nicht wirklich deuten. Er sah irgendwie skeptisch aus. Aber auch ein bisschen … na ja, vielleicht eingeschnappt? Ich überlegte, was ich soeben gesagt hatte. Ich bleib lieber für mich. Ich kann mit den anderen nicht so viel anfangen. Oh nein! Jetzt hielt er mich bestimmt für eingebildet. Die arrogante Emma, die mit den anderen nichts zu tun haben wollte. Dabei war es doch eigentlich umgekehrt. Würde es mich retten, ihm zu gestehen, dass ich hier nur alleine rumsaß, weil ich so schrecklich unbeliebt war? Nein … Außerdem hatte er das mit Sicherheit sowieso schon bemerkt. Wie konnte ich nur so leichtfertig einfach irgendetwas daherplappern? Wie konnte ich nur immer so unüberlegt sein? Darf ich vorstellen?

Mrs Fettnäpfchen, Emma Fettnäpfchen …

Liam grinste mich frech an.

»Tja … da hast du jetzt aber Pech gehabt. Ich sitz’ ganz gut auf meinem neuen Platz.« Gedanklich schlug ich mir mit der Hand gegen die Stirn. Von dieser Seite hatte ich es gar nicht betrachtet. Ich hatte ihm soeben durch die Blume gesagt, dass ich keinen Wert auf Gesellschaft legte. Mir wurde heiß, als ich merkte, dass es ihn – zumindest so wie ich es gesagt hatte – mit einschloss. So ein Unsinn! Er musste doch wissen, dass das absoluter Schwachsinn war. Oder nicht?!

»So ... so war das nicht gemeint ...«, stotterte ich los, doch sein Grinsen wurde immer breiter. Ich musste mich wohl geschlagen geben. Egal was ich jetzt noch sagte, alles würde sich nach einem kläglichen Rettungsversuch anhören. Ich lächelte gequält zurück.

 

Die Pausenglocke läutete wieder. Amilia und Amber, die sogenannte Ersatzfreundin für Dana, die immer dann aktuell wurde, wenn Dana nicht da war, gingen an uns vorbei und Amber rümpfte auffällig die Nase, während Amilia Liam zuzwinkerte. Ich schnupperte unauffällig an meinen Haaren. Sie rochen nach Shampoo. Scheinbar hatte sich der Quatsch mit der Milchviehzucht auch schon wieder herumgesprochen. In so einem kleinen Nest hatte man einfach keine Privatsphäre!

»Sollen wir?«, fragte Liam. Schwungvoll stand er auf und reichte mir seine warme Hand zum Aufstehen. Ich legte meine nur zu gern hinein. Nein, ich wollte nur nicht unhöflich sein und sie ablehnen. Genau, das war es. Ich wollte nicht unhöflich sein.

 

In der Klasse zog Liam mir meinen Stuhl zurück, sodass ich mich setzen konnte. Dann ließ er sich selbst sanft auf seinen Stuhl gleiten. Jetzt hatten wir Mathe. Ich stöhnte.

Mein absolutes Lieblingsfach. Mr Morrison betrat die Klasse und begrüßte uns.

»Ah, sieh an. Sie müssen wohl unser neuer Schüler sein.« Liam nickte.

»Ich habe gesehen, dass Mathe Ihr Leistungsfach gewesen ist und Sie es mit der Bestnote abgeschlossen haben.« Mr Morrison nickte Liam anerkennend zu.

Auch das noch! Ich saß neben einem unheimlich gut aussehenden, charmanten Mathe-Genie. Etwas Unpassenderes an meiner Seite konnte es wohl nicht geben …

»Vielleicht haben Sie ja die Güte Liam, unserer Emma diesbezüglich ein wenig auf die Sprünge zu helfen. Sie ist mit Abstand die schlechteste Schülerin, die ich in meiner 20-jährigen Laufbahn als Lehrer habe.«

»Mr Morrison!«, warf ich bestürzt ein, und Liam begann schallend zu lachen.

»Sehr gerne helfe ich ihr!«, gluckste er und grinste mich dermaßen unverschämt an, dass es mir schwerfiel, meine Hand zu lassen, wo sie war und sie nicht mit einem lauten Scheppern auf seine Backe krachen zu lassen. Beleidigt schob ich die Unterlippe vor, stützte meine Ellenbogen auf den Tisch und legte meinen Kopf in die Hände. Eingebildeter Schnösel!

Der Rest des Unterrichts verlief ohne irgendwelche Zwischenfälle. Ich starrte stur zur Tafel und beobachtete Liam immer mal wieder aus den Augenwinkeln. Liam jedoch beachtete mich gar nicht. Wahrscheinlich ärgerte er sich gerade, dass er sich neben so eine dumme Nuss wie mich gesetzt hatte, wo er doch neben Amilia hätte sitzen können.

Endlich erlöste mich das Klingeln der Schulglocke. Schnell stopfte ich Bücher und Hefte in meine Tasche und ging eiligen Schrittes zur Tür.

»Hey … warte doch mal!«, rief Liam. Zuerst wollte ich mich umdrehen, doch er konnte unmöglich mich meinen. Warum auch? Wir hatten die ganzen Schulstunden nebeneinandergesessen und keinen Muff miteinander geredet. Plötzlich griff mir eine starke Hand auf die Schulter und drückte leicht zu.

»Hey … dich meine ich!« Sein Daumen berührte dabei sanft meinen Hals und ein kleiner Schauer ließ mich erzittern. Abrupt drehte ich mich um und blickte in ein wunderschönes Gesicht – Liams Gesicht.

»Sollen wir nicht zusammen gehen?« Ich nickte, unfähig irgendetwas zu sagen. Wieder durchfuhr mich ein leichter Schauer. Diesmal aber aus Freude. Liam wollte mit mir zusammen nach Hause gehen …

»Heute trete ich ja meinen Dienst bei euch an …« Diese Aussage traf mich wie ein kalter Waschlappen ins Gesicht. Das hatte ich ja völlig vergessen. Liam hatte einen Aushilfsjob bei meinem Dad angenommen. Natürlich war er jetzt besonders freundlich zu mir – mein Dad war sein Chef!

Letzte Aktualisierung: 19.01.2017

 

Unter Hope & Despair:

 

- Spin-off :)